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Bargeldlos: so schaffen wir den Absprung nicht

Will man die Angst vor dem Bargeldverlust besiegen, so reicht es nicht, auf die Nachteile des Bargeldes und die Vorteile der Digitalisierung hinzuweisen. Stattdessen sollten wir die Ängste ernst nehmen und entsprechende Lösungen entwickeln.

18 Nov. 2019|Bernhard Kauer
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In dem Artikel Eine Welt ohne Schein schrieb André M. Bajorat vor kurzem über die Zukunft des Zahlungsverkehrs.

So schreibt er über die Bargeldaffinität der Deutschen:

Die Deutschen verspüren regelrechte Ängste, wenn es um eine Abschaffung von Bargeld geht.

Und schlägt dann vor, das Problem einfach rational zu betrachten:

Doch was wäre, wenn wir diese emotionale Beziehung zu unserem Geld aufgeben würden? Geht uns etwas verloren oder gewinnen wir gar etwas, wenn wir plötzlich kein Bargeld mehr in Hosentasche und Portemonnaie haben sollten?

Und meint die Lösung sei:

so schnell wie möglich die Wahlfreiheit zwischen bar und bargeldlos überall zu haben, da mit Sicherheit ein Wandel im Verhalten hin zum Bargeldlosen stattfinden wird.

Zu guter Letzt gibt es noch den Hinweis auf “Schweden als glänzendes Beispiel”:

Als ein Land mit hoher technologischer Affinität positioniert sich Schweden als Experte für bargeldloses Leben.

Ich glaube nicht, dass man so die Angst der Deutschen vor dem Bargeldverlust besiegen kann.

Der Vergleich

Ein Vergleich macht dies sicher etwas besser deutlich. Angenommen ihr Sohn hat Angst davor, vom 10 Meter Brett zu springen. Da nützt es nichts:

Auch die Pflicht, bargeldlose Zahlungen überall entgegennehmen zu müssen, wird nicht helfen. So hat Aldi, als einer der letzten großen Einzelhändler die Kartenzahlung bereits vor fast 15 Jahren eingeführt. Aber wer dieses Jahr mal bei ALDI an der Kasse gestanden hat weiß, dass immer noch genügend Kunden bar zahlen, obwohl sie die Freiheit haben dies nicht zu tun.

Die Ursachen liegen tiefer

Das eigentliche Problem liegt tiefer, viel tiefer. Gerade der Vergleich mit Schweden macht dies deutlich.

Der Erfolg von bargeldlosen Zahlungen in Schweden liegt meines Erachtens nur vordergründig daran, dass die Menschen dort eben mehr “technologieaffin” sind. Stattdessen ist das Vertrauen in Schweden untereinander und gegenüber den Institutionen bedeutend höher.

Daniel Ek, der Gründer von Spotify, meint dazu sogar:

The number one thing the whole society is built on is trust, like you can’t screw people over.

Dieses Vertrauen in der Gesellschaft geht soweit, dass sogar die Steuerbescheide von jedem Schweden öffentlich sind. Man stelle sich nur mal die Reaktion in Deutschland vor, würde dies ein deutscher Finanzminister auch nur vorschlagen.

Auch das entschiedene Pochen der Deutschen auf den Datenschutz entspringt letztlich einem geringen Vertrauen in Gesellschaft, Staat, Unternehmen, …

Gründe dafür wird man sicherlich in Mentalität, Kultur und Geschichte genügend finden können.

Die Folgen

Für die Angst der Deutschen vor dem Verlust des Bargeldes bedeutet dies aber, dass man die Ursachen, wenn überhaupt, dann nur sehr langsam beseitigen kann.

Viel effektiver ist es daher, erstmal die Bedenken ernst zu nehmen. Und dann genau für diese entsprechende Lösungen zu entwickeln. Solche Lösungen können dann sicherlich auch technischer Art sein.

Oder wie es die Bundesbank vor einiger Zeit formuliert hat:

Grundsätzlich ist zu beachten, dass bei aller Innovationsfreude den Bedürfnissen der Bevölkerung nach Schutz der persönlichen Daten, Sicherheit und Vertraulichkeit der Zahlungen sowie nach einfacher, universeller Nutzbarkeit durch die Anbieter Rechnung zu tragen ist.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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