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Von Großer Kunst zum Minimalismus

Wie sich Bargeld, im Laufe meines Aufwachsens bis Heute aufgrund seiner Eigenschaften selbst obsolet gemacht hat.

21 Okt. 2019|Felix Kuchar
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Obwohl die Digitalisierung in weiten Teilen unseres Lebens Einzug gehalten hat, laufen die meisten unserer täglichen Entscheidungen immer noch sehr instinktiv ab. Auf der anderen Seite hat man es immer noch mit komplizierten Prozessen und rudimentären Werkzeugen im Umgang mit Geld zu tun. Das wirft die Frage auf: “Warum ist das so?”

Große Kunst für Jedermann

Münzen, Scheine und alte Wertpapiere hatten schon immer ihren Reiz. Für mich als Kind, bestand dieser allerdings aus einem ganz anderen Grund als für die meisten Menschen. Ich war schon immer ein wenig detailverliebt. Deswegen habe ich Geld aufgrund meines frühen Interesses an Kunst und Geometrie unter genau diesen Maßstäben betrachtet und weniger als Tauschmittel gesehen. Der Wert, den diese kleinen Kunstwerke innehielten, wurde mir erst im Laufe meines Heranwachsens bewusst.

Ich weiss noch, als der Euro um die Jahrtausendwende eingeführt wurde, gab es ca. ein Jahr zuvor schon die ersten “Starter Kits”. Für 20 Mark hat man damals 10 Euro bekommen. Mein Opa war der Erste, der mich da heran geführt hat und mir eines davon geschenkt hat. Tagelang habe ich das kleine Päckchen immer wieder geöffnet und mir die neuen Prägungen angesehen. Auf keinen Fall hätte ich damit aber bezahlen wollen, denn dann wären die schönen, neu glänzenden Münzen ja weg gewesen. Vielleicht würde ich sie nie wieder so schön und unberührt in der Hand halten.

Kurze Zeit später ging ich mit meiner Mutter zur Sparkasse, um mein erstes Girokonto zu eröffnen. Die Sparkassen Finanzgruppe hat immer noch 50 Mio. Kunden in Deutschland. Deswegen hat man das Gefühl, wirklich jeder ist bei der Sparkasse oder hatte wenigstens irgendwann mal ein Konto dort. Jugendsünde ?!

Seitdem habe ich so ziemlich überall, wo es möglich war, mit EC-Karte bezahlt. Somit hatte ich nur noch selten die kleinen Kunstwerke in meiner Brieftasche. Inzwischen versuche ich sogar Bargeld aktiv zu vermeiden.

Ein unbequemes Tauschmittel

Als die täglichen Geldgeschäfte zunahmen, verlor ich leider zunehmend die bewusste Beachtung für die kleinen Bildchen und Prägungen. Ich nahm es einfach nur noch als das wahr, was es auch ist, nämlich als profanes Tauschmedium.

Dem ein oder anderen mag es vielleicht gefallen viele bunte Scheine mit sich herumzutragen, was ich selbst nur zu gut nachvollziehen kann. Ich hatte das Gefühl mich ein wenig unabhängiger zu fühlen, eben ein klein wenig besser als andere.

Jedoch ist meine Haltung dazu mittlerweile anders. Ich habe mich zwar kurze Zeit darüber gefreut viel Geld im Portemonnaie zu haben, aber im Endeffekt fühlte es sich doch wie eine Belastung an. Ab einem bestimmten Betrag fing ich komischerweise an mir Sorgen zu machen. Sorgen dass ich meine Brieftasche verlieren oder liegen lassen könne. Es ist ja nicht so, dass die Wahrscheinlichkeit unbedingt größer ist, wenn man viel Geld dabei hat, aber es fühlt sich im Kopf eben so an.

Die Angst vor Verlust ist interessanterweise viel kleiner, wenn ich nur meine Karte darin und ein bisschen Kleingeld dabei habe. Würde ich also die Brieftasche verlieren, müsste ich nur die Karten sperren lassen und alles wäre in Ordnung.

Wechselgeld

Ein weiterer Grund gegen Bargeld ist das Wechselgeld. Ich habe es gehasst, wenn mein Portemonnaies mit Wechselgeld und anderen Mitgliedskarten so überfüllt wurde, bis es so dick war, dass es anfing meine Hosentaschen auszubeulen.

Habt ihr eigentlich schon einmal versucht auf so einem kleinen unbequemen harten Stück aus gepresstem Leder, Plastik, Metall & Papier mit halb abgerundeten Ecken Platz zu nehmen ?! Nein ?! Achja, weil ihr es vor dem Hinsetzen aus der Hosentasche nehmt. Sehr clever! Liegt es dann etwa auf dem Tisch, wo jemand es schnell im vorbei gehen mitnehmen kann ? Oder steckt ihr es etwa in die Jackentasche, die dann auf dieser Seite herunterhängt, weil das Teil so schwer ist ? Spitzenlösung ! Vielleicht stört das auch nur mich, als Augenmensch mit dezenter Affinität zur Symmetrie. Jedenfalls haben mich dicke Portemonnaies schon immer genervt.

Die Wechselzeit ist ein weiteres nerviges Nebenprodukt beim Benutzen von Bargeld. Ich erinnere mich an diverse Situationen an der Kasse oder in der Bar, beim Bus oder eben überall wo Menschen Schlange stehen bei denen mir unfreiwillig meine Zeit geraubt wird.

Als bekennender Minimalist habe ich zu Hause eine kleine Schale, in die ich regelmäßig meine Brieftasche von Kleingeld befreie. So kann die nächste Münzsammlung wieder starten. Ausserdem nutze ich schon seit Jahren Portemonnaies, die schon von vornherein sehr wenig Stauraum für Münzen und Karten bereit halten. Das zwingt mich auch weiterhin dazu immer wenig mitzunehmen.

Seitdem man NFC in den Kreditkarten untergebracht hat, laufen bei mir die meisten bargeldlosen Bezahlvorgänge auch ähnlich effizient wie mit Bargeld ab.

Geldautomaten

Der meiner Meinung nach aber absolut unbequemste Umstand im Umgang mit Bargeld, setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Erstens braucht man eine Filiale oder einen Automaten der es ermöglicht Geld einzuzahlen und natürlich um welches abzuheben. Und Zweitens die Suche nach diesen Orten.

Am meisten Spass macht jede Automaten-Such-Odyssee, wenn man in einer neuen Stadt ist oder gerade mit seinen Freunden die Wohnung verlässt und mindestens einem davon einfällt, nochmal zur Bank zu müssen, weil die angestrebte Location keine Kartenzahlung erlaubt. Weniger aufwendig wäre die Suche natürlich, wenn es eine gute Abdeckung von Geldautomaten oder Filialen geben würde. Leider werden diese Orte immer weniger.

Da natürlich jeder heutzutage bei ein und der selben Bank ist, ist diese Suche auch schnell vorbei und keiner braucht das völlig überteuerte “Fremdverfügungsentgeld” zu fürchten, um schnell an sein Bargeld zu kommen. 😉

An dieser Stelle fällt mir immer wieder der Spruch von einem meiner Freunde ein, der mal eines Abends am Automaten hinter mir stand und gesagt hat: “Heb zur Sicherheit, gleich alles ab!”. Und mit dieser Einstellung hat er vollkommen Recht, auch wenn es in diesem Moment scherzhaft gemeint war. Effizienter wäre es allemal. Aber auch sicher und praktikabel? Wohl kaum!

Da mir dieses Problem, nach mehreren unfreiwilligen Entdeckungstouren durch fremde Städte, anfing auf die Nerven zu gehen, wechselte ich zu einer Direktbank die mir kostenloses Abheben an allen Automaten erlaubt. Wenn man jetzt allerdings vier Konten hat wie ich, um seine Finanzen ein wenig besser zu kategorisieren, dann wird es irgendwann doch wieder voll in der Brieftasche, zumindest was den Plastikanteil betrifft.

Persönliche Daten sind das Öl des 21 Jh.

Wenn wir uns die Entwicklungen aus der jüngsten Zeit betrachten, und gedanklich ein paar Hochrechnungen anstellen, dann wird vielen ganz schnell klar: Mehr Effizienz und mehr Bequemlichkeit führen zu einer stetig steigenden Komplexität. Damit ist der Nutzer zunehmend überfordert und genervt. Mein innerlicher Optimierungsprozess schreit in solchen Situationen auf und möchte weniger Denk- und Organisationsarbeit in diese Prozesse stecken. “Bitte gib mir etwas leichteres, einfacheres. Bitte gib mir einfach weniger zu tun!”

Fast jeder Einzelhandel, jeder Online Shop und jede x-beliebige Website möchte gerne ein Kundenprofil von mir anlegen. Mir ist sogar ein Bäcker bekannt, der meine Email Adresse und diverse Kontaktdaten registrieren möchte, damit er mir besser “dienen” kann. Hier eine neue Kundenkarte, dort ein neuer Gutschein, und meine Brieftasche quillt schon wieder über.

Klar, wer möchte nicht noch bequemer in unser immer schnelllebigeren Zeit seine Ziele erreichen.

Nun ja, wenn ich mal so meine Excel Liste überfliege, bei welchen Diensten bzw Webseiten ich angemeldet bin, dann komme ich heute auf etwa 60 Einträge. Könntet ihr euch die Anmeldedaten alle merken? Bei mir klappt’s jedenfalls nicht so gut. Deswegen versuche ich diese Entwicklung aufzuhalten und mich wirklich sehr viel bewusster damit auseinander zu setzen ob ich noch einen weiteren Eintrag zulasse, denn diese Liste spricht leider keine minimalistische Sprache.

Effizienz und vor allem Bequemlichkeit hat ihren Preis, so viel steht fest. Allerdings stellen wir das nicht sofort fest und auch meistens nicht in unserem Geldbeutel. Die meisten Dienste sind kostenlos, was den Preis betrifft, dafür zahlen wir allerdings mit unserem Nutzungsverhalten oder anderen persönlichen Informationen. Die Geschäftsmodelle dieser Anbieter sind also auf andere Einnahmequellen getrimmt. Ansonsten wäre es wohl schwierig derartigen Service bereitzustellen. Oder Zeit und Geld in eine kostenlose App zu stecken, wenn sich diese nicht anderweitig monetarisieren würde.

Heute bekommt man nichts geschenkt und dies war wohl in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie anders. Bloss weil die App im ersten Moment kostenlos verfügbar ist, glauben wir plötzlich, dass es diesmal anders sei. Nur wird einem das nicht so schnell klar, weil es eben ein schleichender Tod ist, bis hin zum völligen Verlust der persönlichen Entscheidungsfreiheit.

China is geografisch nur ein paar tausend Kilometer entfernt. Dort sind die Auswirkungen des gläsernen Bürgers schon heute Realität. Eine Person kann man ja nur bewerten, wie es die Chinesen mit dem Sozialkredit-System machen, wenn grundlegende Daten vorhanden sind. Ich persönliche habe keine große Lust, dass diese Zukunft auch hier Realität wird.

Instinkte entscheiden welche Lösung sich durchsetzt

Eine fundamentale Erkenntnis aus der Neurologie besteht darin, dass unser Gehirn auf maximale Energieeffizienz ausgelegt ist. Das ist unter anderem eines der Hauptantriebe für unsere menschliche Entwicklung. Wir alle sind tendenziell denkfaul, besser gesagt gute “Energiesparer”. Dies führt dazu, dass wir entweder zum Weg des geringsten Widerstandes tendieren oder Zeit in die Entwicklung einer Sache stecken, die uns eine noch größere Energieersparnis bescheren wird.

Daniel Kahnemann hat sich in seinem Buch “Schnelles Denken, Langsames Denken” mit der Entscheidungspsychologie befasst. Er kam darin zu einem interessanten Punkt. Der Mensch treibt mehr Aufwand, um seine aktuelle Lebenssituation beizubehalten und jeden Abstieg zu vermeiden. Er betreibt jedoch weniger Aufwand, wenn es darum geht seine Situation zu verbessern.

Die Geschichte ändert sich nicht

Ich bin der Meinung, wenn Dinge komplex sind, werden sie schnell obsolet, weil sie zu viel Energie verbrauchen.

Mit Bargeld ist es tendenziell das Gleiche. Münzen und Scheine, sowie Karten und alles was in physischer Form in unserem digitalen Zeitalter zu viele Umstände bereitet, wird langfristig ersetzt werden. Am Ende macht die bequemste Lösung das Rennen, weil wir alle Energiesparer sind.

Gedanken dazu?
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