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Vom Bargeld zum digitalen Bezahlen

Wie digitales Bezahlen ein wahrer Traum werden kann.

20 Sept. 2019|Romy Simon
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Früher

Früher war alles einfacher, oder? Ich hab mir meine Brieftasche in die ausgebeulte Hosentasche gepackt und damit meinen Tag bestritten - Brötchenkauf, Telefonzelle, Supermarkt, Einzahlung auf dem Konto bei der Bank und das Feierabendbierchen bei der Kneipe um die Ecke. Wenige Alternativen zu haben, kann manchmal ein großer Luxus sein.

Jetzt schreit sicher der eine oder andere, dass das doch Quatsch sei. Schließlich kann ich das alles heutzutage auch mit meinem Smartphone, meiner EC-Karte, per Online-Banking und beim Online-Shopping viel schneller und zeitsparender tun. Haben wir denn nun alle mehr Zeit und sitzen eher beim Feierabendbier, wenn wir unsere Kollegen überhaupt noch beim Namen kennen sollten? Da bin ich mir mal nicht so sicher.

Ich mag es unerkannt einzukaufen

Ich gebe zu, an mir ist dieser Trend des smarten Bezahlens auch am Anfang vorbeigegangen. Ich mag es unerkannt einzukaufen und nicht von der Kassiererin mit meinem erlesenen Namen auf der Karte angesprochen zu werden – es sei denn natürlich, ich bin ein treuer Kunde und einfach schon so lange bekannt, dass man sich eben beim Vornamen kennt, das ist natürlich eine andere Qualität.

Ich mag es auch, schnell den Schein aus der Tasche zu holen und nicht auf ein Gerät und das schon wieder abgestürzte Terminal zu warten. Selbst wenn die Geduld auch von Bargeld-Fans, wie ich es einer bin, bei älteren Personen mit einer Vorliebe für bis auf den Cent passend gezahlte Barbeträge des Öfteren auf die Probe gestellt wird.

Ich liebe es auch, genau zu wissen, dass ich heute meine abgehobenen 50 Euro schon verbraucht habe und bei jedem Blick in die Brieftasche klar wird, was noch da ist. Und mal ehrlich - die Vorstellung, dass wir irgendwann an der Kasse beim Kauf von drei Weinflaschen freundlich darauf hingewiesen werden, dass die Karte die Zahlung nicht erlaubt, da die Krankenkasse zur Kontrolle des Gesundheitszustandes ein Limit für den Kauf von Alkohol- oder auch zuckerhaltigen Waren gesetzt hat, ist beängstigend und die Assoziationen zu 1984 von Orwell unvermeidbar.

Am digitalen Bezahlen komme ich nicht vorbei

Bei allen Vorteilen des Bargelds komme aber auch ich am digitalen Bezahlen nicht vorbei - meine Miete wird über SEPA-Lastschrift von meinem Bankkonto abgezogen, Online-Banking ist nicht mehr wegzudenken, meinen gestrigen Ebay-Kleinanzeigen-Einkauf des Fahrgerätes meiner Tochter habe ich mit PayPal gezahlt, den Online-Shop nach Registrierung und Eingabe meiner Adresse und persönlichen Daten mit Klarna, den Film auf iTunes über die hinterlegte Kreditkarte meines Apple-Accounts, den Restaurantbesuch mit EC-Karte und ja ich war etwas entrüstet, als ich beim Friseur nach Bargeld gefragt wurde und ich mit Google Maps verzweifelt und 15 min. lang den nächsten Geldautomaten aufsuchen musste.

Ich bin also genauso in den modernen Zahlungsprozessen gefangen. Mich kennen Google, Amazon, Facebook, YouTube und mein Supermarkt denke ich schon sehr genau, auch wenn ich durch die gemeinsame Netzwerkumgebung mit meinem Mann und die unterschiedlichen Suchmuster schon häufiger versuche Google zu verwirren.

Meine Erkenntnis ist daher: Auch ich versuche Komfort gegen Sicherheit zu tauschen und kann schon lange nicht mehr von Anonymität beim Einkauf oder im Netz ausgehen. Wenn jetzt immer mehr Leute vor mir im Supermarkt ihr Telefon kontaktlos an das dieses Mal funktionierende Gerät halten, wird mir bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis ich mich als late adopter auch einreihe.

Was hat sich verbessert?

Ich komme aber gerne zu meiner Anfangsfrage zurück - hab ich mich also nun in den letzten Jahren verbessert, bin ich schneller und einfach mit meinen Einkäufen und Bezahlvorgängen? Wenn ich mir die Liste der gespeicherten Passwörter im Telefon anschaue, für Online-Shops, Abos, Karten, Zugänge etc. bezweifle ich das zunehmend und es bleibt ein Rest Ungewissheit. Was wäre, wenn ich mir diese Passwörter wirklich alle merken müsste? Und was, wenn durch ein Update alle Passwörter gelöscht würden?

Und seien wir mal ehrlich, wer gibt denn gerne seine Bezahldaten und persönlichen Daten im Netz in irgendwelche Formulare ein und hat dabei ein gutes Gefühl. Oder wer ist gar erfreut darüber, dass auch der 10. Klamotten-Onlineshop zur Kundenpflege die Kontaktdaten haben möchte.

Wenn ich nun noch davon höre, dass man die Nummern der Bargeldnoten beim Abheben und beim Einkauf registrieren kann, kommen mir sicherlich mehr und mehr Argumente für das Bargeld abhanden.

Selbst Bargeldbefürworter sehen den Tatsachen ins Auge; Scheine werden schon nicht mehr akzeptiert, Kartenzahlung wird oft bevorzugt, die Nordeuropäer verringern die Dichte der Geldautomaten und zahlen kaum noch mit Cash und immer, wenn ich Geld abheben will, sind gefühlt 50% der Geldautomaten nicht betriebsbereit…

Die Zukunft

Und dann versinke ich wieder in Gedanken und stelle mir vor, wie es wäre, alles genauso einfach zahlen zu können, wie mit meinem Bargeld:

Das wäre doch wirklich … ein gelebter digitaler Bargeldtraum. Und ich wäre sicherlich schneller mit meinen Kollegen beim Feierabendbier, welches ich dann natürlich auch offline mit App bezahlen würde.

Gute Idee?
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